Der Beruf des Tätowierers wird immer beliebter, jeder meint auf einmal, die Nadel schwingen zu können. So werden im Internet immer mehr Stimmen laut, ob man denn wohl ein Praktikum beim Tätowierer machen kann und was einem das überhaupt bringt. Wir räumen auf mit möglicherweise unrealistischen Erwartungen und klären, für wen sich ein Praktikum beim Tätowierer lohnt. Und ob überhaupt. Marco Ivanovic, Tätowierer bei Farbaffäre in Dortmund, stand uns dafür Rede und Antwort.

Viele – besonders junge Leute – wollen ja heutzutage ein Praktikum beim Tätowierer machen. Da kräuseln sich ja direkt die Nackenhaare wenn man daran denkt, dass einem ein ungehobelter Schülerpraktikant wohlmöglich mit stümperhaften Arbeiten die Haut vermurksen könnte. Dürfen Praktikanten überhaupt tätowieren?

Nein! Die Praktikanten die wir bisher hatten, werden nicht einmal in den direkten Arbeitsprozess eingebunden, weil das Thema Hygiene natürlich immer eine große Rolle spielt und man da schon etwas geschult werden muss. Das heißt: Praktikanten dürfen bei uns nur Kaffee kochen und putzen. Sie dürfen mit nichts in Kontakt kommen, das mit dem direkten Tätowieren, beziehungsweise mit dem eigentlichen Tätowierhandwerk zu tun hat.

Ok, also das sind dann also die Aufgaben, die Praktikanten bei euch in der Regel haben?

Ja. Putzen, Kaffee kochen, spülen, Müll raus bringen. Wobei letzteres auch nur mit einer gewissen Schulung geht, weil man dabei ja möglicherweise mit Blut in Kontakt kommen könnte.

Tatoostudio Farbaffäre

Was bringt einem dann ein Praktikum in einem Tattoostudio?

Also ich halte von einem Praktikum in einem Tätowierstudio sowieso nichts, da man halt einfach nicht viel zu tun hat. Die meisten Praktikanten, die hier waren, hatten täglich zwei Stunden zu tun und die restliche Zeit saßen sie doof rum und mussten sich irgendwie die Zeit vertreiben. Im Prinzip bringt es einem nicht viel, außer einen gewissen Einblick.

Wir haben bis jetzt vier Praktikanten im Studio gehabt, davon haben zwei Stück ein Schulpraktikum gemacht und zwei davon haben das Praktikum aus freien Stücken gemacht. Diejenigen wollten halt einfach mal sehen wie es in einem Tätowierstudio so läuft. Die meisten Praktikanten wurden glaube ich auch ziemlich ernüchtert und haben halt gemerkt, dass es hier, genauso wie in einem ganz normalen Betrieb wo man sonst ein Praktikum macht, auch nicht anders ist.

Unter welchen Voraussetzungen stellt ihr denn überhaupt Praktikanten ein? Müssen sie bspw. eine Mappe mit Probezeichnungen einreichen oder ein bestimmtes Mindestalter haben?

Also Zeichnungen spielen überhaupt keine Rolle. Die einzige Voraussetzung, die jemand haben sollte um ein Praktikum in einem Tätowierstudio zu machen, ist zuverlässig sein. Also nicht solche Sachen wie mal kommen, mal nicht kommen. Das haben wir nämlich auch schon mal gehabt, das Praktikum wurde dann auch relativ schnell abgebrochen, weil die Person einfach nicht erschienen ist. Um mit dem Beruf des Tätowierers überhaupt in Kontakt zu kommen, muss man erstmal eine Lehre machen und das kann dann schon auch mal ein, zwei Jahre, vielleicht sogar drei Jahre dauern, bis man überhaupt mit dem Handwerk an sich in Berührung kommt.

Wie kann man sich denn einen typischen Praktikumstag bei euch im Studio vorstellen?

Einen typischen Praktikumstag bei Farbaffäre kann man sich so vorstellen: Man sollte am besten circa eine halbe Stunde vor Studioeröffnung vor Ort sein. Das Erste was gemacht werden muss ist die eigentlichen Arbeitsbereiche, also die Kabinen, mit einem speziellen Desinfektionsmittel zu reinigen. Dann fallen Arbeiten an wie Spülen und Müll raus bringen. Das wars dann wie gesagt eigentlich auch schon. Danach kann ein Praktikant beim Tätowieren zuschauen oder aber, falls er künstlerisch begabt ist, sich vorne hinsetzen und malen. Dann schauen wir später mal drauf.

Farbaffäre Tattoostudio Praktikum

Du hast uns ja gerade schon mal einen kurzen Einblick gegeben: Ihr hattet ja schon mehrere Praktikanten, was habt ihr denn generell für Erfahrungen mit ihnen gemacht?

Eher schlechte. Wir hatten bis jetzt drei Mädels und einen Kerl, die hier ein Praktikum gemacht haben. Bis auf ein Mädel haben sich das Praktikum glaube ich alle so vorgestellt, dass das jetzt zwei Partywochen werden. Die waren dann scheinbar etwas ernüchtert, als sie gesehen haben, dass wir hier quasi permanent am arbeiten sind und hier nicht den ganzen Tag supercoole Leute reinkommen und so weiter. Eine Praktikantin ist sogar zu uns gekommen, weil sie sozusagen Anschluss gesucht hat ans andere Geschlecht, die war wohl auf Männersuche…

Gebt ihr euren Praktikanten am Ende der Praktikumszeit ein ehrliches Feedback, ob sie sich für den Beruf eignen würden oder nicht?

Ja. Geben wir ihnen auch schon währenddessen. Einer Praktikantin habe ich mal innerhalb der ersten zehn Minuten am ersten Tag gesagt, dass es wohl keinen großen Zweck hat mit dem Berufswunsch. Sie hatte ein paar Zeichnungen von zu Hause mitgebracht, auf die sie auch ganz stolz war, und ich dachte einfach nur: Oh mein Gott. Da waren einfach Hopfen und Malz verloren. Trotzdem habe ich mich dann mit ihr mal hingesetzt und ihr erklärt, was nicht stimmt, wie zum Beispiel Proportionen und Schattenverhältnisse. Ich hoffe, dass ihr das auch was gebracht hat.

Was war das lustigste oder peinlichste Erlebnis mit einem Praktikanten?

Was immer recht lustig war, jeder Praktikant durfte am letzten Tag auf einer Orange oder auf einer Grapefruit eine Tätowierung machen und die Ergebnisse sahen schon immer recht lustig aus. Das haben sie sich um einiges einfacher vorgestellt.

Wie bist du zu deinem Job gekommen? War es schon immer dein Traumjob?

Hmm. Yoar, ja, schon. Zum Tätowierer muss man irgendwie geboren sein. Bei mir war von Kind an Interesse da, ich wusste aber nie, wie ich das umsetzen sollte, also wie man überhaupt Tätowierer wird. Ich bin dafür extra in ein anderes Bundesland gezogen, weil es da wo ich vorher gelebt habe einfach keine Möglichkeiten dafür gab, den Berufswunsch Tätowierer zu verwirklichen. Harte, lange Arbeit und sehr viel Disziplin. Das ist das, was man braucht, um Tätowierer werden zu können. Die Tätowierszene hält sich da auch relativ elitär. Also nur die Leute, die wirklich den Willen haben und dafür auch dementsprechend viel tun, bekommen die Chance das Tätowierhandwerk zu erlernen.

Was ist deiner Ansicht nach die wichtigste Eigenschaft die man als Tätowierer mitbringen muss, abgesehen vom zeichnerischen Talent?

Geduld haben! Du weißt ja sicher noch, wie ich immer geflucht und gejammert hab, dass es nicht voran geht. Man sollte natürlich auch keine Kontaktängste haben, man muss den Anblick von Blut ertragen können und darf auch keine Angst haben, jemandem weh zu tun. Denn das ist halt ein Teil unseres Jobs. Man muss vor allem kreativ sein und sich bewusst sein, dass Tätowieren kein Rockstarleben, sondern jede Menge Arbeit bedeutet.

Muss man selbst tätowiert sein, um den Job ausüben zu können?

Zwangsläufig muss man das nicht. Es kommt allerdings ein bisschen unglaubwürdig rüber und ich finde persönlich, dass Tätowieren nicht nur ein Beruf ist, sondern eine Leidenschaft. Wenn man selbst nicht tätowiert ist, kann man diese Leidenschaft auch nicht voll ausleben oder teilen. Deswegen finde ich sowas immer ein bisschen unglaubwürdig, wenn ein Tätowierer selbst nicht tätowiert ist. Das wäre ja wie wenn du zu einem Zahnarzt gehst, der selbst total schlechte Zähne hat.

Was kannst du talentierten Leuten für den Start in die Laufbahn als Tätowierer für einen Tipp mit geben?

Malen, malen, malen! Und sich, auch wenn man ein paar Absagen bekommt, nicht davon abhalten lassen und weitermachen. Jeder, der sich für den Beruf als Tätowierer interessiert, wird früher oder später Absagen bekommen und vielleicht auch das eine oder andere nicht so gute Feedback in Bezug auf die Zeichnungen. Das ging uns allen so, trotzdem haben wir weiter gemacht. Und die Geduld und die Arbeit haben sich ja nun auch bezahlt gemacht.

Fazit: Wie man unschwer erkennen kann ist das Tätowierstudio-Praktikum keinesfalls meinpraktikum.de- kompatibel. Stichwort: Kaffeekochen und sonstige anspruchslose Tätigkeiten. Ein Praktikum in einem Tattoostudio bringt nur denen was, die ernsthaftes Interesse für den Beruf des Tätowierers hegen, schon einmal vorbereitend die jeweiligen Arbeitsabläufe kennenlernen möchten und eine Ahnung davon bekommen möchten, was man dafür tun muss, um überhaupt einmal Tätowierer sein zu können. Kaum ein anderes Praktikum eignet sich vermutlich besser um zu testen, ob man eine Lehre in dem Beruf durchhalten könnte und ob man überhaupt das Zeug dazu hätte.

Wir bedanken uns herzlich bei Marco für die informativen Einblicke in die Berufswelt des Tätowierers.

Das Interview wurde geführt von Claudia Sommer

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