Das Leben als Student stellt manchmal härtere Aufgaben, als das Studium selbst: Wie mache ich dem Monat klar, dass er sich mit meinem Kontostand absprechen muss? Zu welcher höheren Macht betet man, um die nahe Abgabefrist dem fernen Ende der Hausarbeit anzugleichen? Eigentlich seltsam: Jeder kennt es, jedem passiert ist – aber selten wird etwas dagegen gemacht. Schließlich zieht man am Ende doch noch irgendwie den Kopf aus der Schlinge. Wenn man irgendwo selber etwas falsch gemacht hat, wird es auch selbst ausgebadet. Im Praktikum kann dir das genauso passieren. Stell dir vor, du erhältst eine frisch eingerichtete Firmen-Mailadresse und bist ziemlich aufgeregt, als die erste Mail bei dir landet. Mal schauen, was so drin steht … einen halben Tag später, nachdem der Experte der Firma alle Viren, Würmer, Trojaner und Co von deinem Rechner entfernt hat, kannst du dann doch wieder an die Arbeit. Blöd gelaufen, eigener Fehler, Entschuldigung an die Kollegen – kommt nicht wieder vor!

Doch wie ist es eigentlich, wenn du mal nicht selbst Schuld bist an der schwierigen Aufgabe? Du fährst mit deinem Auto über eine Straße, die unangekündigt unter dir vom Erdboden verschluckt wird und der einzige Vorwurf, den man dir machen könnte, ist, dass du noch keine fliegenden Autos erfunden hast. Ich bisher auch nicht. Blöderweise war ich aber in einem Praktikum in der Situation, dass ich es musste – ein Büro voller Praktikanten und die Chefin verabschiedet sich in den Urlaub. Aber von vorn …

School’s out forever: Genug gelernt! Oder?

Direkt nach dem Abitur und vor dem Studienantritt stand für mich ein dreimonatiges Praktikum in der Online-Redaktion eines Musikportals an. Damals gehörte es zu den größten deutschsprachigen Communities in der Musikbranche – einen besseren Einstieg in redaktionelle Arbeit konnte man in dem Alter wohl kaum finden. Ich saß täglich mit der Chefredakteurin und einem Techniker im Büro, bis nach einer, beziehungsweise zwei Wochen meine Mitpraktikanten ihre ersten Arbeitstage hatten. In den Räumen nebenan saß eine Design- und Werbeagentur, dessen Geschäftsführer gleiche Funktion auch für das Online-Portal hatte – wobei er bereitwillig die Arbeit der Chefredakteurin, ihren Praktikanten und den zahlreichen Freelancern überließ, da er mit seiner Agentur genug um die Ohren hatte. Eins der größten Portale des Landes kam aus dem vermutlich kleinsten Büro der Stadt. Unsere tägliche Beschäftigung bestand aus dem Korrigieren und Hochladen von Texten, passende Bilder bearbeiten, den MP3-Shop pflegen und natürlich immer wieder den Musikmarkt im Auge behalten. Auch Blog-Artikel wurden geschrieben oder wir durften eine Plattenkritik verfassen, wenn wir uns rechtzeitig für das neue Album unserer Lieblingsband gemeldet hatten. Das Praktikum schien sich schon nach wenigen Tagen zu einem Happening voller Harmonie, Kreativität und 5-Minuten-Terrinen in der Mittagspause zu entwickeln. Bis besagter Urlaub der Chefredakteurin anstand.

Sicher: Die Abläufe waren mittlerweile bekannt. Was wird wann geschrieben, wie hochgeladen, welche Seiten werden wann befüllt, wer wird wieso wann kontaktiert. Jeder im Büro trug die meiste Zeit Kopfhörer auf voller Lautstärke, schließlich muss jede neueste Veröffentlichung sofort und laut gehört werden, bevor man darüber schreibt oder den Artikel der Kolleginnen und Kollegen kommentiert. Kommunikation fand deswegen also eher per (steinzeitlich, ich weiß) ICQ statt und so änderte sich theoretisch nicht all zu viel. Abgesehen davon, dass nun eine Person weniger im Büro ICQ nutzt oder in der Mittagspause mit auf dem Balkon sitzt. Hätte sie mich nicht als zu dem Zeitpunkt dienstältesten Praktikanten gebeten, die Führung zu übernehmen, Inhalte auf die Woche und meine Mit-Praktikanten zu verteilen, Fehler auf der Seite mit dem Programmierer abzusprechen und dem Geschäftsführer der Agentur Bericht zu erstatten. Moment – so viel Verantwortung für einen kleinen Praktikanten und die Chefredakteurin ist für den Fall der Fälle gar nicht da? Mir schwirrten haufenweise Bedenken durch den Kopf: Ein so häufig besuchtes Portal! Ich bin doch erst 18 Jahre alt! Wer soll mich denn ernst nehmen? Okay, die Arbeit wurde bisher gelobt und schien alle zufriedenzustellen. Aber so viel Verantwortung? Ehe ich diese Bedenken jedoch äußern konnte, saß sie schon im Flieger und ich im Büro vor den erwartungsvollen Blicken der anderen Praktikanten. Ich dachte, nach der Schule muss man erst mal nicht so viel lernen.

Herr Tur Tur, der Scheinriese

Ich habe mich natürlich an die bisherigen Schemata gehalten. Film-Rezensionen kommen dienstags, das macht Paul. Die Platte des Monats ist Donnerstag dran, kann Micha übernehmen. Zwischendrin weiter Musik hören, Blog-Artikel bitte bis nächsten Freitag fertig haben, da ist die Chefin zurück und will korrigieren. Alle vertrauten mir und so langsam merkte ich: So groß die Verantwortung auch gewesen ist – das mir gegebene Vertrauen, damit umgehen zu können, schien nicht von ungefähr zu kommen. Dass nicht alles prima lief – so what? Einer meiner Artikel wurde zum Meistgelesenen der Seite. Das Problem an der Sache? Er beinhaltete eine krasse Fehlinformation. Man hat es mir natürlich verziehen, schließlich kamen so neue Leser auf die Seite, die unter dem Ansturm auf die Meldung ab und an zusammenbrach. Ich hätte in der Zeit auch komplett zusammenbrechen können und wenn, wäre das wohl nicht schlimm gewesen. Aus Fehlern soll man schließlich lernen und im Nachhinein haben diese zwei Wochen mir gezeigt, wie gut Vertrauen und Verantwortung zusammenspielen und was man selbst als Praktikant erleben kann, ohne groß darauf vorbereitet gewesen zu sein.

Es ist wohl vergleichbar mit dem Scheinriesen Tur Tur aus Jim Knopfs Abenteuern. Er ist nur scheinbar furchteinflößend groß, eigentlich ist er ein ziemlich netter Zeitgenosse. Im Laufe der ersten Woche merkte ich selber auch: All die Panik wurde umsonst geschoben – diese große Verantwortung ist auch nur ein Scheinriese. Die Angst vor zu viel Verantwortung bei fehlender Erfahrung kann echt riesig sein. Aber Meister fallen selten vom Himmel und ein Betrieb, der jahrelang mit Praktikanten arbeitet, kann die Belastung deutlich besser einschätzen als der Abiturient, der seit den Prüfungen keinen geordneten Tagesablauf mit sinnvollen Aufgaben hatte. Am Ende zählt die Erfahrung, die man mitbringt und vor allem wieder mitnimmt.

Autor: Tim Kollande

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